Bericht Schweizer Strahler 03/2018


Hämatitquarze vom Dachberg, Vals GR

 

Richard Meyer

 

Im Sommer 2015 liess sich am Dachberg eine Bandkluft mit für diese Region typischen, eher zweit- bis drittklassigen Quarzen öffnen. Doch welche Überraschung: Vereinzelte Klufttaschen waren sporadisch mit „Hämatit-Pulver“ gefüllt, worin sich Bergkristalle mit zauberhaft rot funkelnden Hämatit-Einschlüssen befanden.

 

Seit bald zwanzig Jahren bin ich immer mal wieder am Dachberg in Vals unterwegs. Die Nordostflanke hat viele Quarzbänder und ab und zu ein Kluftanzeichen, das zum Arbeiten einlädt. Sammlungswürdige Funde blieben aber lange aus. Angetrieben meine Valser Lokalsammlung zu ergänzen, versuchte ich sporadisch mein Glück.

 

Exkursion mit dem Verein

Im Sommer 2013 hatte ich als Exkursionsleiter des SZM unsere Zürcher Vereinsmitglieder an den Dachberg geführt. Wir erlebten einen schönen Tag und die meisten Teilnehmenden kamen mit ein paar Spitzchen im Rucksack zurück. Mein Strahlerfreund Andri öffnete am späteren Nachmittag ein Quarzband. In Eile konnten wir ein paar kleine, hübsche Bergkristalle bergen und die Kluft belegen. Dann mussten wir der Gruppe folgend, ins Tal absteigen.

 

Kluft am Bachrand

Knapp zwei Jahre darauf waren Andri und ich zurück. Begleitet wurden wir von unseren Valser Strahlerfreunden Hannes und Walter Casutt, die uns tatkräftig unterstützten, Andri's Kluft zu erweitern. Es gab weitere Bergkristallspitzen. Aber die Kluft führte steil in die Tiefe und das

Weiterarbeiten wurde zunehmend schwieriger, der Fels härter – es war Zeit, die Stelle ruhen zu lassen und die Umgebung weiter anzuschauen.

So machte ich mich auf den Weg, einen kleinen, unscheinbaren plattigen Felsaufschluss zu inspizieren, der isoliert in der Alpwiese liegt und an einen kleinen Bachlauf angrenzt. Und siehe da, es hatte hier Quarzbänder und eines, das sogar einen drusigen Hohlraum aufwies. Im ersten Versuch konnte ich sogleich einen kleinen Bergkristall heraus klauben, was mich motivierte, die Stelle genauer zu untersuchen: Das Band führte unter das Wiesenbord am Bachufer. Schnell war das Graspolster entfernt und aus dem trüben Wasser liess sich eine kleine Kristallstufe fischen. Die Qualität des Stüfchens war zwar nicht besonders gut, da die Bergkristalle in einer limonitisierten Masse, vermutlich einst Siderit steckten.

Unterdessen war auch Andri aufgetaucht und begutachtete mein Treiben. Mangels fehlendem Mobilfunknetz war es nicht möglich, unsere Valser Begleiter über den Fund zu informieren. Wir stocherten vorsichtig weiter und vergrösserten mit Hammer und Spitzeisen den Hohlraum. Es gelang uns, das Bachwasser abzuleiten. Die freigelegte Kluft entpuppte sich als lehmiger und ziemlich verklebter Spalt, aus dem sich nur sehr mühsam Kristalle lösen liessen.

 

Etwa Amethyst?!

Mittlerweilen war es später geworden, das warme Abendlicht schien schräg auf die Fundstelle. Hannes und Walter waren nun auch an der Fundstelle eingetroffen. Da zog ich einen kleinen Doppelender aus dem Kluftlehm und schwenkte ihn kurz im klaren Bachwasser. Was war das für eine Farbe – weinrot! Spielte mir das Abendlicht einen Streich, Amethyst?! Beim genaueren Hinsehen wurde uns klar, dass es sich um winzige, weinrot funkelnde Einschlüsse handelte. Wir sind begeistert - auch unsere einheimischen Strahler haben so eine Kombination in der Gemeinde zuvor weder gefunden noch je davon gehört!

Eifrig gruben wir weiter. Beim Ausspülen des Kluftinhalts entdeckten wir weitere, kleine, abkristallisierte Bergkristalle und Quarzscherben, welche die gesuchten Einschlüsse enthalten.

Aufgrund der einbrechenden Nacht mussten wir auch dieses Mal die Fundstelle ohne Abschluss verlassen, zudem war es kalt geworden und mir fröstelte. Wir markierten und belegten die Stelle und machten uns auf den Abstieg ins Tal.

 

Rätseln über die Einschlüsse

Wieder Zuhause wurden die Fundstücke umgehend geputzt. Es zeigte sich, dass viele Kristalle, gerade die grösseren, weisslichen Beläge aufweisen, die sich später als feinkristallinen Muskovit herausstellten. Wir rätselten um das eingeschlossene rote Mineral. Wir tippten auf Hämatit, was die naheliegenste Variante war und auch schon von dieser Region von Parker et al. [1] beschrieben wurde. Aufgrund des intensiven Glanzes und der feurigen, roten Farbe kam aber auch der seltenere Lepidokrokit, auch Rubinglimmer genannt, in Frage. Auch konnten wir unter dem Binokular nur vereinzelt und undeutlich die für Hämatit typischen sechskantigen Kristalle beobachten. Mit den herkömmlichen Mitteln war es uns nicht möglich, das Mineral eindeutig zu bestimmen und wir erhielten von verschiedenen Seiten unterschiedliche Meinungen zu unserem Fund. Die Antwort gab uns schlussendlich im Herbst 2017 die XRD Bestimmung durch das Musée cantonal de Géologie Lausanne. Es handelt sich definitiv um Hämatit. Besten Dank an dieser Stelle an Dr. Nicolas Meisser.

 

Viel Arbeit

In der Folge besuchte ich die Kluft allein oder begleitet von unterschiedlichen Strahlerfreunden über ein Dutzend Mal. Anfangs ging das Arbeiten noch relativ einfach, auch wenn nur sehr langsam. Die Kristalle waren im engen, ungefähr zehn Zentimeter breiten Spalt ziemlich ineinander verkeilt und durch Lehm, Muskovit und Hämatit total verklebt. Nur durch sehr vorsichtiges Arbeiten konnten die Kristalle grösstenteils intakt geborgen werden. Dazwischen musste immer wieder kristallisiertes Band weg gespitzt werden. Ein mitgebrachter Schlauch leistete gute Dienste. Mit ihm konnte vom nahegelegenen Bach Wasser in die Kluft geleitet werden, was den Lösungsprozess vereinfachte. Das Ausspülen der mit Hämatit gefüllten Klufttaschen war immer wieder faszinierend und beinahe magisch: Das Spülwasser verfärbte sich jeweils weinrot und floss dann funkelnd davon. Dagegen war das lange Arbeiten im kalten Wasser unangenehm und verursachte klamme Finger.

Die Klufttaschen erstreckten sich über fünf Meter Bandlänge. Die Bandbreite variierte. Nach etlichen Tagen harter Handarbeit und vielem Spitzen ging es kaum mehr weiter. Da kamen unsere einheimischen Strahlerfreunde zur Hilfe, die auf ihrem Gemeindegebiet Bohren und Sprengen dürfen. Dadurch war es möglich, weiter in die Tiefe und Breite vorzustossen. Es zeigte sich, dass das bearbeitete Band zu einem System von verschiedenen Adern gehörte. Es kamen eine weitere Parallelklüfte mit beachtlich grossen Kristallen bis 18 cm Länge zum Vorschein. Sie enthielten aber nur ganz vereinzelt und nur in Spuren schwarze, aber keinen roten Hämatiteinschlüsse mehr. Teilweise waren diese Kristalle halbseitig mit Siderit überwachsen. Die Qualität der grösseren Kristalle war eher bescheiden. Interessanterweise endete das rote Hämatitquarz führende Band bergseitig in einer massiven Vererzung von Pyrrothin und Chalkopyrit. Dies Vererzung weist einen Durchmesser von mehreren Dezimetern auf.

Die Hoffnung auf eine grössere Tasche mit grossen Hämatitquarzen zu treffen, wurde nicht erfüllt. Es kamen viele weitere hübsche Spitzchen zum Vorschein. Die Funde, welche wir vorher in mühseliger Handarbeit machten, wurden nicht übertroffen. Für mich als Hobbystrahler ist dieses Ergebnis auch eine gewisse Genugtuung: Zu sehen, dass Sprengen und Bohren nicht immer das Zaubermittel ist und auch die bescheidenen Möglichkeiten eines Hobbystrahlers ausreichend sein können, um die besten Stücke einer Kluft zu bergen.

 

Einer auf dreissig

Schöne Hämatitquarze waren selten. Auf etwa 30 Kristalle aus dem roten Hämatit führenden Band, welche in der Regel eher drittklassige Qualität bis elf Zentimeter Grösse aufweisen, kam ein gutes Exemplar. Gerade die grösseren Bergkristalle sind ohne oder nur mit kleinen Partien von Einschlüssen versehen. Zudem weisen die Kristalle Beläge von feinkristallinem Muskovit auf, was ästhetisch weniger toll ist. Beim Reinigen wurden diese Beläge teilweise in mühevoller Kleinarbeit entfernt, was der Schönheit der Kristalle zuträglich, aber vom mineralogischen Standpunkt eine Verfälschung ist.

Die besten Exemplare sind Doppelender und Kristalle bis zu einer Grösse von sieben Zentimeter. Gruppen sind noch seltener. Ausnahme bildet eine ca. 15 cm breite, etwas wilde Gruppe, die teilweise schöne Einschlüsse enthält - hier aber auch wieder vorrangig in den kleineren Kristallen.

Die Einschlüsse liegen direkt unter der Quarzoberfläche und gehäuft auch auf rekristallisierten Bruchflächen und Quarzscherben. Dieser Umstand ist ein Hinweis, dass der Hämatit erst bei einer späteren Bildung, nachdem der Quarz bereits gewachsen waren, ins Spiel gekommen sein könnte. Vermutlich steht er auch im Zusammenhang mit der beachtlichen Vererzung am einen Ende des Bandes.

 

Die Fundstelle liegt gemäss der Geologischen Karte 1: 25'000 in einem Phengit- und Augengneis der Aduladecke. Die feine Gesteinstextur und grünliche Farbe lassen auf einen Phengitgneis schliessen. Die Kluftparagenese umfasst Bergkristall, Hämatit, Siderit, Pyrrothin, Chalkopyrit, Muskovit und vermutlich Rutil als nadliger Einschluss in einem Bergkristall. Andere Mineralien konnten visuell nicht festgestellt werden. Die Region Alp Bidanätsch wird im Parker et al. (1973) beschrieben. Es werden Hämatit führende Klüfte im Adulagneis, sowie eine Kluft mit Quarz, Monazit und Turmalin erwähnt.

 

Andri Mani und Remo Zanelli gilt mein Dank für die Durchsicht meines Berichts und Olivier Roth für das Fotografieren der Kristalle. Auf www.valser-kristallkeller.ch von Walter und Hannes Casutt sind weitere Bilder von der Kluft zu finden.

 

Literaturhinweis:

 Parker et al. (1973): Die Mineralienfunde der Schweizer Alpen, Neubearbeitung durch H.A. Stalder, F. de Quervain, E. Niggli, St. Graeser, Basel Wepf & Co, S. 214, 217